Ein Erfahrungsbericht: Prager Botschaft kurz vorm Mauerfall

Posted on 03/10/2008 von

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Angela Blumenthal hat im Rahmen meiner Artikels zur Sat.1 Sendung „Wir sind das Volk“ einen Kommentar geschrieben, was sie in den letzten Tagen vor dem Mauerfall gemacht hat. Sie ist geflüchtet mit ihrem Sohn. Es ist sehr lebhaft und packend geschrieben und ich möchte ihren Kommentar nochmal zum Tag der deutschen Einheit besonders herausstellen und stelle diesen in diesem Artikel rein. Ich hab Angela angesprochen und per Mail gefragt ob ich Ihr Erlebnis nochmal so veröffentlichen darf. Zudem wollte ich wissen was sie heute macht und ob sie es je bereut hat, geflüchtet zu sein und ob sie die Wende gut findet. Nach ihrem Erfahrungsbericht findet Ihr hier auch noch die entsprechenden Antworten. Nun lasse ich aber Angela reden.

Das hat sie erlebt:

Ich bin 50 Jahre alt und im Osten geboren und aufgewachsen. Habe die Sommer- und Winterferien immer im Ferienlager verbracht, habe eine Ausbildung bei der Post gemacht und wollte dann studieren. Bis dahin hatte ich ein unbeschwertes Leben als Ossi. Während des 2. Semesters hatte ich dann meinen ersten Kontakt mit der Stasi. Ich sollte meine Kommulitonen ausspionieren, wer bekommt Post aus dem Westen, wer spricht schlecht über die DDR – ich hatte 4 Wochen Zeit. Zum Wiedersehen in einem kleinen Raum wollte man mich unter Druck setzen und wenn ich keine Namen habe, dann könnte ich damit rechnen, dass ich mein Studium schneller beende, vals mir lieb ist. Ich blieb hart und nannte keine Namen. Leider habe ich – warum weiß ich bis heute nicht – eine Prüfung nicht betstanden, ich hatte auch keine Gelegenheit für eine Nachprüfung – das wars – ich konnte gehen! Inden folgenden Jahren fühlte ich mich ständig beobachtet, aber ich ließ mir nichts anmerken. Am 24. Oktober 1989 bekam ich eine Besuchererlaubnis zum 70. Geburtstag meines Onkels im Westen – für 14 Tage!!! Meinen damals 8 jährigen Sohn habe ich bei meiner Freundin untergebracht, einen Partner hatte ich nicht.
Ich habe sehr schöne Ferien an der Nordsee verbracht und bin nach den 2 Wochen wieder in meine Heimat gereist – habe mich bei meinem Arbeitgeber wieder gemeldet, dass ich wieder da bin und zu Hause habe ich den Fernseher eingeschaltet und die Montagsdemonstrationen und die Reportage über die Flüchtlinge aus der DDR in die Prager Botschaft gesehen. Eine Nacht lang habe ich überlegt, ob ich auch flüchten soll mit meinem Sohn. Ich schrieb einen Abschiedsbrief für meine Mutter, den ich auf den Küchentisch legte. Meinen Wohnungsschlüssel brachte ich der Freundlin. Am nächsten Abend bin ich mit ein paar gepackten Sachen und meinem Sohn einfach in Richtung Bahnhof. Der Bahnsteig war voller Menschen. Hatten alle das gleiche Ziel? Je näher wir der Grenze zur Tschechei kamen, desto ernster wurden alle Gesichter der Menschen im Abteil. Niemand hat gesprochen. An der Grenze kamen die Grenzbeamten und haben sich aus jedem Abteil einen rausgesucht, der kontrolliert wurde. Mein Sohn schlief zum Glück. Es ging alles gut. Als der Zug wieder anrollte und wir die Grenze passierten, redeten alle durcheinander und alle hatte das gleiche Ziel – Die Prager Botschaft. Als wir dort ankamen, war der Platz vor der Botschaft voll mit Menschen. An ein Reinkommen oder über den Zaun klettern war gar nicht zu denken. Also abwarten, es war kalt um 5.00 Uhr morgens, am 03. Novemer 1989. Wir hatten Durst und waren hungrig. Auf einmal Spot an und Megaphon, ein amerikanischer Fernsehsender und ein deutscher Busfahrer.
„Heute nacht ist die Grenze von der Tchechei zu Deutschland passierbar geworden. Wer ein Auto hat, kann gleich weiter fahren. Der Busfahrer aus Deutschland ist mit einer Reisegruppe unterwegs und würde ein paar Leute zur Grenze fahren. Es steht ein Bus bereit für 48 Personen.“
Viele, sehr viele Menschen rannten um ihr Leben, um einen Platz in diesem Bus zu ergattern, wir auch. Um den Bus standen sie nun, die Menschen, die hofften einen Platz in diesem Bus zu bekommen, die Chance war sehr gering. Mein Sohn stand vor der Eingangstür und ich etwas dahinter. Der Busfahrer sagte: „Bitte Frauen und Kinder zuerst“. Was für ein Glück, die Bustür ging auf und mein Sohn war drin, er saß gleich vorn und schaute nach mir. Ich habe versucht, auch in den Bus zu kommen, aber ich wurde immer wieder an die Seite gedrängelt. Der Bus fahrer schrie: Stopp, der Bus ist voll…………………………………………………………………………………….
Die Bustür ging zu, ich habe mich vor den Bus gestellt, dass er nicht losfahren konnte und weinte und schrie, mein Sohn ist in dem Bus und ich gehe hier nicht weg, ICH MUSS MIT!
Die Bustür öffnete sich noch einmal und ich nahm meinen Sohn in die Arme. Mit fast 100 Leuten im Bus ging es an die Grenze und dort im Feuerwehrhaus war der Bürgermeister des Ortes und begrüßte uns mit einem deftigen Frühstück. Es wurden Busse bereitgestellt, die uns in eine Kaserne brachten, um dort das Wochenende zu verbringen. Das Rote Kreuz stand dort bereit und versorte uns mit dem Nötigsten. Am Montag wurden wir vom Bundesgrenzschutz mit allen ‚Papieren ausgestattet und wir wurden gefragt, wo wir denn leben möchten. Es gab eine Fahrkarte zum Ziel unserer Träume. Am Ziel angekommen, wurden wir von unseren Verwandten in Empfang genommen und wir waren glücklich. Eine Woche später war der Mauerfall und wir hätten ganz legal reisen können!

Und so sieht sie heute zurück auf die Zeit von vor 19 Jahren bis heute:

Wenn ich zurückblicke, ich würde es genauso wieder machen, allerdings hätte ich dann eine Woche gewartet und hätte mir den Umweg erspart. Viele meiner Landsleute haben viele Jahre nicht begriffen, dass sie nun keiner mehr an die Hand nimmt und ihren Lebensweg zeichnet. Nach der Wende habe ich eine dreijährige sehr aufwändige Ausbildung gemacht und betreibe jetzt ein Fitness-Studio für übergewichtige Damen mit Ernährungsberatung und bin damit hier im Umkreis sehr erfolgreich geworden. Außerdem habe ich schon 2 Monate nach meiner Flucht meinen Mann kennengelernt und wir sind 17 Jahre verheiratet. Wir haben eine wunderbare Tochter und mein Sohn mit dem ich damals geflüchtet bin wurde von meinem Mann adoptiert.
Ich bin über jeden Tag glücklich und habe im Übrigen das erste Mal über meine damaligen Geschehnisse berichtet.

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