Der Direktvertrieb – Teil 8: Ausstieg – Wie komme ich da raus?

Posted on 17/04/2008 von

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Es ist schon fast ein Jahr her, wo ich über Erfahrungen im Direktvertrieb berichtet hatte. Der 8.Teil soll nun die Serie vorläufig beenden. Ob ein weiterer Teil nötig wird, wird sich zeigen. Ich hab mir viel Zeit gelassen, weil der Ausstieg besonderes schwierig ist. Und ich habe gemerkt, das viele die Artikel auch als Hilfestellung sehen, so das diese Folge eine besondere Herausforderung ist. Wie immer, sind hier Erfahrungen von mir und von Interviewpartner vermischt und kann nicht grundsätzlich auf alle Direktvertriebe angewendet werden.

Sich selber zu überzeugen, den Ausstieg zu machen, ist der schwerste Punkt. Man muß gegenüber sich selber und gegenüber Verwandte (die man für den Direktvertrieb geworben hatte) einen Fehler eingestehen. Und es kommen Existenzängste, weil eine vermeintliche Einnahmequelle verloren geht. Und man muß sich selber eingestehen, das man sich hat manipulieren lassen. Das alles macht den Schritt zum Ausstieg schwer. Hat man das Überwunden, wird es unter Umständen ein steiniger Weg.

Wenn man aussteigen will, ist man genauso ein Feind, wie Kritiker oder Wettbewerber. So wird man im Direktvertrieb auch oft behandelt. Der Ausstieg schmerzt, weil viele vermeintliche Freunde aus dem Vertrieb, eher zu Feinden werden. Und es kostet Lösegeld. Nein, man muß nicht direkt dafür bezahlen. Das geht anders. Bei mir im DSL-Vertrieb gab es Haltezeiten. Das heißt, meine Provision ist erst dann 100% gesichert, wenn der Kunde mind. 6 Monate auch zahlender Kunde war. In der Versicherungsbranche können solche Haltezeiten auch Jahre sein. Springt ein Kunde vorzeitig ab, muß man Anteile der Provision oder auch die gesamte Provision an die Firma zurück geben. Sowas kommt immer wieder vor und wird mit der auszahlbaren Provision verrechnet, sofern Guthaben vorhanden. Wenn nicht, muß der Vertriebler eine Überweisung machen.

Dieses Instrument hat den Vorteil, das der Vertriebler darauf achtet, keine faulen Eier als Kunden zu gewinnen. Und das Risiko der Firma wird zusätzlich verringert. Als Aussteiger spürt man aber weitere Nachteile.

So gibt es Versicherungen, die alles daran setzen, dem Aussteiger zu schaden. Seine vermeintlichen Freunde fangen an, die Kundschaft abzuwerben. Dem Kunden wird erzählt, das der Aussteiger Blödsinn erzählt, die Firma verlassen mußte und das nur er (der vermeintliche Freund) den Überblick hat und dem Kunden eine neue zu ihm passende Versicherung in die Hand gibt. Dadurch entsteht ein Storno für den Aussteiger, weil der Kunde auf den vermeintlich freundlichen Vertreter hört und gegenüber dem Aussteiger enttäuscht ist. Das Storno erzeugt aber eine Rückzahlung. Manche Firmen im Direktvertrieb fordern sogar Rückzahlungen, weil Kunden angeblich nicht zahlen. Der Aussteiger kann dies oft nur bedingt und mit viel Mühe überprüfen und hat oft rechtlich kaum Beweise, um notfalls vor Gericht dagegen anzugehen.

Wenn man nicht weiß, wie man richtig aussteigt, zahlt man viel Geld, was eigentlich ehrlich verdient wurde.

Innerhalb des Vertriebes wird der Aussteiger schlecht gemacht. Ein schlechtes Beispiel, weil der Aussteiger ja die Chancen nicht verstanden hat, die der Direktvertrieb bietet. Ein Beispiel für einen Verlierer, der einfach nicht das umsetzt, was man auf den vermeintlichen Schulungen gelernt hat. Würde der Aussteiger alles nach Vorgabe der Firma machen, würde er ja Millionär werden und hätte keinen Grund zu gehen. Auch werden gerne Gerüchte verbreitet. Der Aussteiger hätte für den Wettbewerb spionieren ist da schon harmlos. Mögliche Freunde, die der ussteiger hat, nimmt die Firma gerne direkt an die Kandare. Die werden besonders beobachtet und man versucht diese im Sinne der Firma zu beeinflussen. Es gab sogar Fälle, wo Privatdetektive den Aussteiger überwachen. Oder wo Anwälte den Aussteiger verklagen.

Über viele Dinge, die mich evtl. auch betreffen könnten, war ich vorab informiert. Also habe ich mir einen Plan gemacht, wie ich den Ausstieg finde. Mein Ende spürte ich selber dadurch, das man mich nicht mehr als „stellv. Gebietsleiter“ haben wollte und mir immer mehr Handlungsspielraum genommen hatte. Ich hab mit der Zeit auch einige kritische Dinge gesehen, die ich nicht unterstützen wollte. Was man mir krum genommen hat. Also hörte ich auf, aber mit Vorsicht und auf lange Sicht geplant.

Ab dem Tag, wo mein letzter Vertrag, den ich mir geholt habe, auch aktiv wurde, mußte ich dafür sorgen, das ich mind. 6 Monate scheinbar für die Firma da bin. Mein Wille, weiter dabei zu sein, mußte ich bekunden. Da ich aber alternative Einnahmequellen brauchte, hab ich auch an anderer Stelle angefangen zu arbeiten. Das sah so aus, das ich keinen neuen Direktvertrieb wählte, sondern Schulungen machte. Also etwas, wo man mir nicht nachsagen konnte, das ich beim Wettbewerb tätig bin. Für mögliche Klagen ist das ein wichtiger Punkt. Bei meinem Gebietsleiter hab ich mich nur noch per Telefon oder Mail gemeldet und entschuldigte mich wegen Krankheit, privater Probleme, Geldmangel (super, wenn man Marktmiete selber zahlen muß) oder sonstige Ausreden. Und ich versprach, bald wieder aktiv zu werden.

Das alles hat gut funktioniert. Zwar gab es trotzdem Stornierungen, wo ich Provision zurückzahlen mußte, aber darauf war ich gefasst. Ob die Stornos berechtigt waren, kann ich nicht nachweisen. Dennoch hat sich alles in Grenzen gehalten. Einen echten Freund aus dem Vertrieb habe ich behalten und habe noch immer Kontakt zu ihm. Der ist auch inzwischen ausgestiegen. Nicht lange nach mir. Er hatte die selben Dinge erkannt, wie ich. Er hat mich auch oft und gerne auf den Laufenden gehalten. Mehr sage ich dazu aber nicht.

Mein Ausstieg war sanft, aber erfolgreich. Und im laufe der Zeit erkannte ich die Psycho-Tricks und wie diese im Direktvertrieb wirklich funktionierten. Eines sei gesagt. Die Firma, für die ich tätig war, ist wirklich super und ihre Produkte einwandfrei. Meine Kritik richtet sich nur an den Dierektvertrieb. Welche Firma das war, sage ich jedoch aus Eigenschutz nicht.

Die selbe Vorgehensweise hat jemand gemacht, der bei einer Versicherung tätig war. Er hat noch mehr Vorsorge betrieben. Er informierte seine Kunden über seinen Ausstieg noch bevor seine Firma was erahnen konnte. Und für evtl. Provisionsrückforderungen hatte er Rücklagen gebildet. Er wollte nicht in eine wirtschaftliche Krise geraten.

Auch Telefon-Terror oder Mail-Terror kann entstehen. Davor schützt, wenn man ab dem Ende der Zusammenarbeit, die Rufnummern und Mailadressen ändert und möglichst nicht öffentlich macht. Man sollte auch eine große Show vermeiden. Wenn man mir seinem Direktvertrieb abrechnen will und z.B. bei Sitzungen oder Schulungen mal kräftig auf den Tisch hauen will oder im Web sich über seine Firma beschweren will. Alles nachvollziehbare Wünsche, die viele Aussteiger haben. Einfach Schnauze halten und heimlich die Sache beenden. Es ist besser so.

Ich persönlich hatte Glück gehabt. Mein Direktvertrieb hat Belästigungen, sinnlose Anklagen u.s.w. vermieden. Das man innerhalb der Struktur schlecht über mich redet, weiß ich nur von hören sagen, aber da stehe ich drüber. Außer Provisionsrückforderungen ist nichts schlimmes passiert. Doch das war Glück. In Interviews hab ich erfahren, das viele Aussteiger die o.g. Probleme bekamen. Oft aber auch, weil diese die Schnauze nicht halten konnten.

Wer aussteigen will, braucht einen längerfristigen Plan, besonders wenn der Direktvertrieb die ganze Familie eingenommen hat. Oft genug erwarten Direktvertriebe, das Ehepaare zusammen im Vertrieb tätig werden, weil der Direktvertrieb sich als Familie versteht. Nur, wenn der Ehemann aussteigt und die Ehefrau dies nicht nachvollziehen kann, kommt es oft auch zu Scheidungen. Das ist passiert. Alleine schon deshalb ist ein guter Plan nötig. Auch um den Ehepartner zu überzeugen, das ein Ausstieg unvermeidbar ist.

Der beste Ausstieg: Gehe nicht in den Direktvertrieb. Schon das Anwerben ist oft Betrug.

Eure Erfahrungen über den Ausstieg könnt Ihr gerne in den Kommentaren hinterlassen. Nur nennt bitte keine Firmen. Dies müsste ich zensieren um Euch und mich zu schützen.

Alle Teile in der Zusammenfassung:
Teil1 Anwerben
„Der Teil 2: Schulung zur Einführung
„Der Direktvertrieb – Teil 3: Der Weg bis zum ersten Erfolg“
„Der Direktvertrieb – Teil 4: Teamabend, die Selbsthilfegruppe im Vertrieb“
Der Direktvertrieb – Teil 5: Die Karriereleiter
Der Direktvertrieb – Teil 6: Manipulieren und manipuliert werden
Der Direktvertrieb – Teil 7: Der Mensch zählt nicht – Theorie und Praxis
Teil 8 habt Ihr hier gerade gelesen.

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